Doch kein Hypochonder – der lange Weg zur Diagnose

von

Hy·po·chọn·der
Substantiv [der] gehoben

jmd., der fest davon überzeugt ist, krank zu sein und deshalb sehr oft zum Arzt geht, obwohl er in Wirklichkeit gesund ist.
(Quelle: google.de – Keyword Hypochonder)

Hypochondrie
(griechisch ὑποχόνδρια Gegend unter den Rippen) ist zum einen nach dem internationalen Klassifikationssystem ICD-10 eine psychische Störung (somatoforme Störung), bei der die Betroffenen unter ausgeprägten Ängsten leiden, eine ernsthafte Erkrankung zu haben, ohne dass sich dafür ein angemessener, objektiver Befund finden lässt. Zum anderen ist Hypochondrie ein Symptom, das im Rahmen zahlreicher psychischer Störungen auftreten kann.
(Quelle: wikipedia – Hypochondrie)

Die Diagnose Multiple Sklerose (MS, Encephalomyelitis disseminata) bekam ich am 28.07.2015 um 14:09 Uhr. Warum ich das so genau weiß? Weil ich in dem Moment, als der Arzt mir die Botschaft verkündet hat auf die Uhr geschaut habe.

Aber erst mal zurück zum Anfang!

Ich habe schon mit Anfang/ Mitte 20 gemerkt, dass irgendetwas mit mir nicht stimmt. Es waren lauter Kleinigkeiten die sich aufsummierten und im großen Ganzen mein Leben ziemlich eingeschränkt haben. Die Symptome waren vielfältig, es kam etwas hinzu, etwas anders verschwand um dann wieder zu kommen, wenn man es nicht gebrauchen konnte oder überhaupt nicht damit gerechnet hat.

Es fing damit an, dass ich ständig müde und völlig erschöpft war. Natürlich kann das schon mal sein, aber ausgenommen man steht kurz vor einer fiesen Erkältung oder einer Grippe, weiß man ja eigentlich warum man müde ist. Man hat sich körperlich ausgepowert, war feiern, hat seinen Hirnschmalz bemüht/ konzentriert irgendetwas gearbeitet oder einfach mal einen Gammeltag in Sweathose & Shirt auf dem Sofa – denn ja auch gammeln kann müde machen 🙂

Bei mir gab es aber einfach keinen Grund. Ich fühlte mich völlig matsch, ausgelaugt, kraftlos und es fiel mir schwer mich zu konzentrieren. Schlecht für jemanden der eigentlich mal Fachinformatiker Anwendungsentwicklung gelernt hat und super gerne Logikrätsel macht.

Wo wir dann beim nächsten Punkt wären. Es kam schleichend aber doch für mich bemerkbar, dass mir mein Multitasking Talent abhanden gekommen ist. Früher konnte ich 10 Dinge gleichzeitig, habe konzentriert programmiert und währenddessen einen Film geschaut/ gehört. Irgendwann wurde es für mich immer schwieriger unwichtiges auszufiltern, mich nicht ablenken zu lassen von dem was Mitschüler in der Berufsschule an Nebengeräuschen erzeugten oder das Radio welches mich beim Telefonieren im Büro schier kirre gemacht hat.

Dazu kam dann, dass ich das Gefühl hatte wie auf Watte zu laufen. Irgendwie fand ich kein Maß mehr – entweder ich habe die Füße nicht hoch genug gehoben oder aber ich habe sie zu hoch gehoben aus Angst wieder ungewollt gegen eine Treppenstufe zu stoßen. Generell war die Koordination von Armen & Beinen teilweise schwierig für mich. Bewegungen die früher automatisch und völlig flüssig von der Hand gingen habe ich versucht zu kontrollieren, was mich dann natürlich auch geistig wieder erschöpft hat.

Ich fühlte mich oft kraftlos, vor allem die Beine und mein rechter Arm. Außerdem hatte ich immer mal wieder Körperstellen die für eine gewisse Zeit taub waren und auch die Feinmotorik in der rechten Hand hatte immer wieder Aussetzer.

Wenn man irgendwo hin greift und stumpf danebengreift, oder die Hand in der man die Kaffeetasse hält einfach mal beschließt los zu lassen… Solche Sachen halt. Die ersten Male denkt man – man was bin ich paddelig, pass doch einfach mal besser auf! Wenn sich die Vorfälle aber häufen fängt man an sich Gedanken zu machen und irgendwann führt einen die eigene Unsicherheit zwangsläufig zu einem Arzt der einem bitte sagt, dass man dieses oder jenes hat, man eine der Zauberpillen nimmt und dann ist man wieder so, wie man es gewohnt war.

Die ersten Male geht man noch völlig unbefangen in die Arztpraxis. Man erzählt was mit einem los ist, dass man sich das nicht wirklich erklären kann und lässt diverse Untersuchungen zur Überprüfung des Allgemeinzustandes über sich ergehen.

Es könnte ja schlicht und einfach eine Mangelerscheinung sein, im worst case irgendwas organisches aber das lässt sich sicher beheben.

Blutwerte? Top! Man wird darauf angesprochen, dass man recht schlank ist und eventuell seine Ernährung etwas anpassen sollte. Kommt man dann wieder zum Arzt und es lässt sich wieder auf die Schnelle nichts finden, steht die Vermutung im Raum, dass man eventuell einfach zu viel Stress hat und sich da mal ein Protokoll erstellen soll.

  • wann genau treten die Probleme auf
  • was hat man davor gemacht
  • gibt es einen Zusammenhang?

In Fällen wie bei mir führt das allerdings zu nichts und man startet einfach mal eine google Suche nach seinen Symptomen!

Man findet Diagnosen wie Depression, Burnout | generell zu viel Stress, Herzerkrankung, Schilddrüse, Krebs und auch Multiple Sklerose.

Die MS schiebt man im Kopf direkt mal zur Seite… nee das kann es ja nun wirklich nicht sein.

Fangen wir also beim Stress an!

Nachdem die Ärztin mir bei jedem Besuch gesagt hat, dass ich einfach mal versuchen sollte Stress zu vermeiden und dass das Sicher die Lösung für alle Probleme ist, hat man irgendwann die Nase voll! Ich habe verdammt noch mal keinen Stress! Was also machen? google!!

Wie kann man sicher & genau bestimmen ob der Körper Stress hat? Man bestellt sich in einem Labor einen Speicheltest, mit welchem sich der Cortisolspiegel im Tagesverlauf bestimmen lässt. Kostet recht viele Euronen, aber sch** drauf, ich wollte es wissen oder eben schwarz auf weiß haben, dass es nicht am Stress liegt.

Man befolgt die Hinweise nach bestem Wissen & Gewissen, schickt die vollgelüllten Dinger zurück ins Labor und erhält ein paar Tage später eine Auswertung per Post. In meinem Fall hatte ich also schwarz auf weiß, dass mein Cortisolspiegel im Tagesverlauf völlig im Normbereich liegt und ich diesbezüglich nichts ändern muss.

Mit den Testergebnissen bin ich dann wieder zur Hausärztin/ übrigens keine Allgemeinärztin sondern spezialisiert auf Innere Medizin. Zähneknirschend hat sie dann den Stress auf ihrer Liste der möglichen Erkrankungen abgehakt.

Nächster Punkt : Herzerkrankung!

Da ich auch immer wieder über plötzliches Herzrasen ohne wirklichen Grund geklagt hatte wurde ich zum Belastungs-EGK geladen. Nach kurzer Zeit wurde das Gestrampel auf dem Fahrrad allerdings unterbrochen, weil ich anscheinend so hoch gepumpt habe, dass man Angst hatte ich würde gleich vom Rad fallen. Man schloss mich an ein Langzeit-EGK an und dann sammelte ich Daten über den Tag und die Nacht. Ende vom Lied war, man konnte das Herzrasen feststellen und ich bekam eine Überweisung zum Kardiologen.
Beim Kardiologen konnte man allerdings keine Ursache für diese Symptome ausmachen. Mein Herz schaut gut aus, die Klappen machen was sie sollen… joah… starten wir also eine erneute google Suche. Was kann Herzrasen auslösen ohne das es ein Herzfehler ist?

Kommen wir also zur Schilddrüse…

Die Schilddrüse

ist für die Ausschüttung der Hormone zuständig, die unter anderem Kreislauf, Herz- und Darmfunktion sowie den Stoffwechsel steuern.
 Eine Störung kann daher eine ganze Reihe von Beschwerden auslösen – wie starkes Schwitzen, Herzrasen, Konzentrationsschwäche und geschwollene Beine. Auch die Körpertemperatur wird durch Schilddrüsenhormone geregelt.
(Quelle: Schilddruesenerakrankung – Symptome erkennen)

Passt doch, oder? Nachdem es also das Herz nicht war und auch der Stress nicht, pilgerte ich wieder zur Ärztin die mich allerdings mittlerweile schon nicht mehr wirklich ernst nehmen wollte und meine Symptome schon mal drei Mal nicht.

Sie schallte meine Schilddrüse (wie gesagt Ärztin für Innere Medizin), konnte aber keine Veränderungen feststellen. Trotz allem machte sie mir eine Überweisung für die Schilddrüsenszintigraphie fertig. Natürlich vergingen wie auch schon beim Termin für den Kardiologen Wochen bis ich endlich untersucht wurde.

Der zuständigen Radiologin habe ich meine bis dahin mehrere Jahre dauernde Odyssee erzählt und die hat direkt im Anschluss mit der Auswertung angefangen um mir einen kurzen Status geben zu können. Als ich dann ins Zimmer gerufen wurde musste sie mir dann allerdings mitteilen, dass meine Schilddrüse völlig in Ordnung ist und nicht Schuld hat an all meinen Problemen. Sie gab mir allerdings mit auf den Weg, dass solche Probleme auch durch Nahrungsmittel-Intoleranzen ausgelöst werden können. Es hat dann allerdings ein paar Wochen gedauert, bis ich mich mit den neuen möglichen Verursachern zu meiner Hausärztin begeben habe.

Erforschen wir mal, wie intolerant ich bin!

Es wurden weitere Bluttests gemacht und ich bekam 2 Termine, ein Mal für den H2 Test – Laktoseintoleranz, ein Mal für dem H2 Test – Fructoseintoleranz. Die Bluttests blieben wie immer ohne jegliche Befunde allerdings wurde bei den Atemtests schon während der Wartezeit klar, dass ich sowohl auf Laktose, als auch auf Fructose stark reagiere.

JUHUU ist zwar kacke, aber ich habe endlich einen Schuldigen gefunden! Mein Darm der Spacken hat mir all die Probleme bereitet!

Also gab es Ausschlussdiät, dann langsames herantasten was geht und was eben nicht. Ich liebe Gemüse, Obst am liebsten in Kuchenform 🙂 Außerdem bin ich ein Zuckerjunkie. Ist dann ganz schön gemein, wenn man weitestgehend auf alles verzichten muss, was man gerne mag. Aber man nimmt es in Kauf wenn das bedeutet, dass man endlich wieder normal leben kann ohne ständig das Gefühl zu haben, dass irgendwas nicht stimmt.

Was die ständigen Magenkrämpfe betrifft stellte sich schnell eine Besserung ein. Alles andere blieb allerdings so wie es war. Wobei nein es blieb nicht, es kam und ging,was einen eben nur noch mehr verwirrte.

Was blieb dann noch? Doch ein Hypochonder? Irgendetwas Psychosomatisches?

Also folgte ein Besuch beim Neurologen. Ich erzählte von meinen Symptomen, dem Gefühl wie auf Watte zu laufen, den Problemen, dass ich ständig mit rechts irgendwo vorlaufe, dem Problem, dass meine rechte Hand manchmal einfach macht was sie will, dem Problem mit der Konzentration. Dem Problem mit der Sensibilität diverser Körperteile, meiner körperlichen Unsicherheit…

Ende vom Lied: ich ging mit einem Rezept für ein Antidepressiva nach Hause! An dem Punkt war mir wirklich alles Recht, Hauptsache mir geht es endlich wieder gut!

Im Laufe der Jahre hatte ich mich von einem Mensch der zwar viel Zeit für sich braucht, aber auch gerne mit anderen Menschen zusammen ist, zu einem beinahe schon soziophoben Menschen entwickelt. Mein Selbstwertgefühl war im Keller, ich habe mir nichts mehr zugetraut und mein Mann musste alle möglichen Dinge für mich übernehmen, damit ich schön weiter in meinem Schneckenhaus verweilen konnte.

Ich fühlte mich isoliert, alleine unter Menschen weil ich an allem und vor allem an mir gezweifelt habe.

Die verschriebenen Tabletten brachten nicht wirklich etwas, außer dass ich mich noch müder und matschiger gefühlt habe. Ich habe irgendwann einfach die Tabletten abgesetzt und versucht mich damit abzufinden, dass ich nun mal einfach einen an der Waffel habe und dass das jetzt eben einfach nicht zu ändern ist. Körperlich ging es mir immer schlechter, ich fühlte mich immer schwächer und alltägliche Sachen wurden mir schnell zu viel. Das Haus saugen? Kraftakt! Meiner Selbstständigkeit nachgehen? Unfassbar anstrengend und ermüdend!

Und dann kam der Tag an dem klar war, dass ich nicht spinne sondern irgendwas mit meinem Körper, genauer gesagt meinem ZNS ( Zentralnervensystem – oder wie ich es nenne: ziemlich nerviges Scheißding) ganz und gar nicht stimmte!

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1 Kommentar

  • Reply
    Oligoklonale Banden positiv – die Diagnose – stivy
    25. April 2017 at 18:31

    […] Hausärztin (ihr erinnert euch – Doch kein Hypochonder ) hatte sich in der Zwischenzeit in die Rente verabschiedet und ich war schon seit einer ganzen […]

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